Zur statischen Stabilisierung bei Großbaumverpflanzungen

GÜNTER SINN, THOMAS SINN, HANS-PETER STOEHREL

EINLEITUNG
Der Verwirklichung von Bauvorhaben auf baumbestandenen Grundstücken müssen häufig erhaltenswerte Bäume weichen. Technische Maßnahmen, wie die Verpflanzung von Großbäumen durch spezialisierte Firmen, bieten Lösungsansätze im Konflikt "Bau oder Baum".
Vorgaben zu den physiologischen Grenzen der Verpflanzbarkeit von Großbäumen gibt in verallgemeinerter Form die ZTV-Großbaumverpflanzung (1988). Eine Novellierung ist in Vorbereitung. Die Statik (Standsicherheit), die nach weitestgehender Beseitigung des statisch wirksamen Wurzelraumes artifiziell wiederhergestellt werden muß, wird in diesem Regelwerk zur Großbaumverpflanzung jedoch eher stiefmütterlich behandelt.
Im nachfolgenden Praxisfall entstanden aufgrund unterdimensionierter statischer Hilfen durch Windwurf erhebliche Schäden an Sachen und an den Bäumen.

VORGESCHICHTE DES PRAXISFALLES
Im Auftrag einer Stadtverwaltung sollten durch eine Spezialfirma für Großbaumverpflanzung aus einem dichten Bestand erhaltenswerte Großbäume auf ein Baugelände verpflanzt werden. Nach Durchführung der Vorarbeiten, die ein Jahr zuvor begannen, wurden drei ca. 15 m hohe Eschen mit einem Stammumfang von ca. 0,90 m und fünf ca. 21 m hohe Platanen mit einem Stammumfang von ca. 1,65 bis 2,20 m verpflanzt und mit Drahtseilen gesichert. Drei Tage nach Beendigung der Verpflanzaktion stürzten bei einem nächtlichen Sturm drei der fünf Platanen und zwei der drei Eschen um.

ZUR WINDSTÄRKE IN DER UNGLÜCKSNACHT
In einem Gutachten des Deutschen Wetterdienstes, das die ausführende Firma beauftragte, wurden für den betreffenden Tag Maximalwindstärke 5 - 6 nach Beaufort (aus Südwest) und für den Schadensort Böen bis Windstärke 8 - 9 nach Beaufort angegeben.

ZU DEN TRAGKRÄFTEN DER ABSPANNUNG
Die Abspannung zur statischen Stabilisierung der Bäume bestand im vorliegenden Fall aus verschiedenen Komponenten mit unterschiedlich großer Tragkraft. Das schwächste Teil ist ausschlaggebend für die Tragkraft des ganzen Systems.
In diesem Fall waren dies die Erdanker und Spannschlösser, die versagten; eine Seil-Endverbindung hatte sich nach Aussage der Ausführungsfirma ebenfalls gelöst, die Drahtseilklemmen seien in diesem Fall zu schwach angezogen worden (zu den Erdankern wird im nachfolgenden keine Aussage getroffen).

DIE VERWENDETEN KOMPONENTEN DER ABSPANNUNG ZUR STATISCHEN STABILISIERUNG
Rundlitzen-Stahlseil, 6 mm
Die Tragfähigkeit für Rundlitzen-Stahlseile, 6 mm, wie im vorliegenden Fall verwendet, wird bei einfacher Sicherheit mit
19,42 kN angegeben.

Spannschlösser M 10
Die Belastungsgrenze für Spannschlösser der Stärke M 10, wie im vorliegenden Fall verwendet, wird aufgrund von Laboruntersuchungen mit Werten zwischen 1.050 und 1.100 kp, dies entspricht 10,30 bzw. 10,79 kN angegeben (die Werte wurden in einer Zerreißmaschine gewonnen und bezeichnen die Grenzwerte für Materialversagen bei einfacher Sicherheit).

Drahtseilklemmen für Seil-Endverbindungen.
Die verwendeten Drahtseilklemmen entsprachen nicht der DIN 1142 "Drahtseilklemmen für Seil-Endverbindungen bei sicherheitstechnischen Anforderungen". Diese sind lt. DIN-Text erforderlich, "wenn an Drahtseilklemmen sicherheitstechnische Anforderungen gestellt werden, d.h. wenn durch das Versagen der Seil-Endverbindung Personen oder Sachwerte gefährdet werden können". Für einen Seildurchmesser von 5 bzw. 6,5 mm wird der Einbau von mind. drei Seilklemmen in einem bestimmten Abstand sowie das Anziehen der Bundmuttern mit einem Drehmomentenschlüssel und mit einem Anziehmoment von 2,0 bzw. 3,5 Nm vorgeschrieben.
Im vorliegende Fall wurden nur jeweils zwei Drahtseilklemmen unkontrolliert eingebaut.

Erdanker aus T-Eisen

ZU DEN WINDLASTMOMENTEN DER VERPFLANZTEN GROSSBÄUME UND IHRER ABSPANNUNG
Die Baumkronen der drei nach dem Verpflanzen umgestürzten Platanen waren durch Astverlust in ihrem Volumen reduziert die Windlasten vermindert.
An den Baumhöhen hatte sich durch das Schadensereignis nichts geändert. Um den Zustand und die höhere Windlast vor dem Umstürzen zu berücksichtigen, wurde zur Windlastannahme für die drei Platanen das Kronenvolumen eines anderen verpflanzten, gleichgroßen Baumes, der nicht umgestürzt war, zugrundegelegt. Nach Aussage der Ausführungsfirma entsprach dieser Baum in etwa dem der anderen Platanen vor dem Umstürzen. Die Daten "Baumhöhe" und "Stammumfang", die ebenfalls Grundlage für Windlastannahmen an Bäumen sind, wurden an den jeweiligen Schadensbäumen gemessen.
Für die zwei umgestürzten Eschen wurde das Kronenvolumen von Baum-Nr. 2, ebenfalls mit den jeweiligen Daten "Baumhöhe" und "Stammumfang", eingegeben.

Zur Ermittlung der Windlast wurde der Belaubungszustand zum Schadzeitpunkt, der anhand von Fotos festgestellt wurde, über den Luftwiderstandsbeiwert "cw" berücksichtigt.

Durch die Verpflanzaktion wurde der statisch wirksame Wurzelraum der Bäume drastisch reduziert. Ihre Standsicherheit war lediglich durch ihr Eigengewichtskraftmoment gegeben. Das verbliebene Wurzelfundament konnte bei einem stammnahen Eingriff rund um den Baum -wie im vorliegenden Fall erfolgt- die Windlast des Baumes nicht mehr abtragen. Eine statische Hilfe, im vorliegenden Fall die Abspannung, mußte die verlorengegangene Verankerungsfunktion des Wurzelfundamentes ersetzen.

Aus den Windlastannahmen sowie o.g. Bruchfestigkeitsangaben der für die Abspannung verwendeten Stahlseile und Stahlseilspanner läßt sich ihre erforderliche Dimensionierung ermitteln.
Wie bereits erwähnt, versagten nach Mitteilung der Ausführungsfirma während des Sturmereignisses lediglich die Erdverankerungen sowie die Seilspanner (nach den o.g. Tragfähigkeitsangaben wiesen die verwendeten Seilspanner lediglich die Hälfte der Tragfähigkeit der Stahlseile auf). Von den Stahlseilen hatte keines versagt
Eine Berechnung der Haltekraft der Erdanker wird im nachfolgenden u.a. wegen des unbekannten bodenphysikalischen Zustandes zum Schadzeitpunkt nicht vorgenommen. Geeignete Erdanker mit Angaben zur jeweiligen Haltekraft werden von verschiedenen Herstellern angeboten.

ZUR BERECHNUNG DER ABSPANNUNG VON BÄUMEN

FACHLICHE ERLÄUTERUNGEN
1. Biegemoment Stammfuß (= Windlastmoment des Baumes):
Das Windlastmoment ergibt sich nach der Formel
Fw = cw x q x A x l x Verstärkungsfaktoren.
Dabei bezeichnet Fw die Windkraft, cw den Luftwiderstandsbeiwert, q den Staudruck aus Luftdichte und Windgeschwindigkeit, A die Windangriffsfläche, l den Hebelarm. Lasterhöhend wirken unter Umständen die besonderen Umgebungsbedingungen, die Böigkeit des Windes sowie die Eigenschwingung des Baumes.

Das Windlastmoment bezieht sich auf die am Stammfuß wirkende Kraft (Biegemoment) und wird in kNm angegeben. Die Windlast für die zwei Baumformen (Platane und Esche) wurde mit dem Windlastprogramm der Arbeitsstelle für Baumstatik ermittelt.

2.: Die Höhe des Windlastschwerpunktes gibt den Hebelarm vom Lastschwerpunkt in der Krone bis zum Stammfuß an und wird für die Ermittlung der Lasten am Anschlagpunkt der Stahlseile benötigt. Der Windlastschwerpunkt für die zwei Baumformen wurde ebenfalls mit dem Windlastprogramm der Arbeitsstelle für Baumstatik ermittelt.

3.: Skizze mit den Lagepunkten der Erdanker und Berechnung der Belastung für die einzelnen Seile (Abspannungen)
Die Berechnung wird im nachfolgenden für einen Baum individuell für die einzelnen Seile und für die jeweilige Belastung bei Windstärke 8, 9 und 12 durchgeführt.
Die Richtung, in die die Stahlseile gespannt sind, wurde vor Ort mit dem Kompaß ermittelt.
Die Entfernung Seilanschlag - Widerlager wurde ab Stammantel gemessen.
Abgerissene, lose herunterhängende Seile wurden in der Aufnahme nicht berücksichtigt.
Siehe auch nachfolgende "Voraussetzungen zur Berechnung".

VORAUSSETZUNGEN ZUR BERECHNUNG:
* Es wird angenommen, daß das Wurzelfundament des jeweiligen
Baumes wegen der gelenkigen Lagerung nicht zum Abtragen der
Windlast beiträgt.
* Es wird nur ein Abspannseil betrachtet, andere etwa vorhandene
Abspannungen werden als schlaff angesehen.
* Es wird angenommen, daß die Windlast in Richtung des
Abspannseiles wirkt.
* Das Standmoment der Bäume aus dem Eigengewichtskraftmoment
wird nicht berücksichtigt.

ANMERKUNG:
Für Systeme mit mehreren, radial angeordneten Abspannseilen müßte das Ganze 3-dimensional gerechnet werden. Im Rahmen der Erstattung des vorliegenden Sachverständigengutachtens war dies jedoch nicht möglich. Die gegebene Abspannsituation wird bei der Interpretation der Meßergebnisse für den Beispielbaum berücksichtigt. Dabei wird auch zur Anordnung der Seile Stellung genommen. Eine gleichmäßige Anordnung, d.h. eine Abspannung nach allen Richtungen ist -ungeachtet der örtlichen Hauptwindrichtung oder der Deckung durch Nachbarschaften- entscheidend für die Wirksamkeit der Abspannung, denn unter Windbelastung beginnt der Baum ungeachtet der Belastungsrichtung in alle Richtungen zu schwingen.

BERECHNUNGSBEISPIEL:

Bild 1: Statisches System

Folgende Bezeichnungen werden verwendet:

Die Abspannkraft im Seil muß der Windkraft das Gleichgewicht halten. Die Abspannkraft Fa ergibt sich aus

Das nachfolgende Berechnungsbeispiel für einen der o.g. Bäume zu der Belastung seiner Abspannung ist auf zwei Dezimale gerundet.

ANMERKUNG:
Aufgrund der Unwägbarkeiten können die Berechnungen nur Modellcharakter haben. Die kinetische Energie des schwingenden Baumes, die lasterhöhend wirkt und zunehmend bei uneffizienter Anordnung der Abspannungen auftritt, ist nicht berücksichtigt. Zu bedenken ist auch, daß die schwächste Komponente ausschlaggebend für die Tragfähigkeit des gesamten Systems ist.
Diese Tatsachen müssen bei den Angaben zur Tragfähigkeit der Einzelkomponenten durch die Einbeziehung von Sicherheitsfaktoren berücksichtigt werden (z.B. wird in der Hebetechnik für Stahlseile mit 6-facher Sicherheit gerechnet, d.h. bei einer rechnerischen Tragfähigkeit von 600 kg (= 1-fache Sicherheit) ist eine Belastung nur bis 100 kg (= 6-fache Sicherheit) zulässig.

Die Belastungsgrenze für die verwendeten Spannschlösser der Stärke M 10 liegt bei einfacher Sicherheit zwischen 10,30 und 10,79 kN, d.h. selbst unter Berücksichtigung eines geringeren Sicherheitsfaktors (z.B. 2) sind diese in der Abspannung insbesondere für höhere Windbelastungen unterdimensioniert.
Im vorliegenden Fall ist die Abspannung für eine Windbelastung des Baumes von Windstärke 8 nach Beaufort nicht ausreichend.

BEISPIELRECHNUNG
Platanus acerifolia, Platane-Nr. 2.

1.: Biegemoment Stammfuß (aus der Windlast)
Windstärke Windlast (kNm)
8 56 kNm
9 70 kNm
12 136 kNm

Windlastschwerpunkt = 12,17 m.
Höhe des unteren Seilanschlages = 5,90 m.
Höhe des oberen Seilanschlages = 9,00 m.

2.: Belastung der Abspannungen durch die Windlast
* Anker 1.: Entfernung = 5,90 m Richtung N; Unterer Seilanschlag.
Windstärke Belastung der Abspannung
8 13,42 kN
9 16,78 kN
12 32,60 kN

* Anker 2.: Entfernung = 7,90 m Richtung NW; Unterer Seilanschlag.
Windstärke Belastung der Abspannung
8 11,85 kN
9 14,81 kN
12 28,77 kN

* Anker 3.: Entfernung = 3,40 m Richtung W; Unterer Seilanschlag.
Windstärke Belastung der Abspannung
8 19,01 kN
9 23,76 kN
12 46,17 kN

* Anker 4.: Entfernung = 12,90 m Richtung W; Oberer Seilanschlag.
Windstärke Belastung der Abspannung
8 7,59 kN
9 9,48 kN
12 18,43 kN

* Anker 5.: Entfernung = 5,60 m Richtung SSW; Unterer Seilanschlag.
Windstärke Belastung der Abspannung
8 13,79 kN
9 17,23 kN
12 33,48 kN

* Anker 6.: Entfernung = 7,80 m Richtung SO; Unterer Seilanschlag.
Windstärke Belastung der Abspannung
8 11,90 kN
9 14,88 kN
12 28,90 kN

* Anker 7.: Entfernung = 12,70 m Richtung ONO; Oberer Seilanschlag.
Windstärke Belastung der Abspannung
8 7,63 kN
9 9,53 kN
12 18,52 kN

Im vorliegenden Fall ist die Abspannung auch ohne Berücksichtigung eines ausreichenden Sicherheitsabstandes für eine Windbelastung des Baumes von Windstärke 8 nach Beaufort nicht ausreichend.
Deutlich wird dies, wenn man zum Beispiel die Belastungsgrenze der Spannschlösser, ca. 10,5 kN, mit der aufgebrachten Belastung, siehe oben, vergleicht.
Zudem ist die Anordnung der Seile zur Abspannung wenig effizient gewählt.

Im Angebot der Ausführungsfirma wurde als Stabilisierung eine "Baumverankerung mit einer Viereckverspannung aus Stahldrahtseil, 6 mm verz., Spannschlösser DIN 1480 u. Anker T-Eisen oder verzinkten Schraubankern 12 mm" genannt.
In den Zusätzlichen Technischen Vertragsbedingungen und Richtlinien für das Verpflanzen von Großbäumen und Großsträuchern (ZTV-Großbaumverpflanzung) vom Dezember 1988 wird zur Baumverankerung vorgegeben:

"3.4.6 Verankerung
Die Wahl der Verankerung hängt u.a. ab von
- der Größe des Baumes,
- der voraussichtlich erforderlichen Haltbarkeitsdauer,
- der Art und Nutzung der Fläche (z.B. Unfallgefahr),
- Standort, Umfeld,
- ästhetischen Gesichtspunkten.
Folgende Techniken sind insbesondere üblich:
- Pfahlverankerung als 3- oder 4-Bockverankerung mit Rahmen,
- Pfahlverankerung mit 3 oder 4 an den Stamm angelegten Pfählen,
mit Polsterung,
- Drahtseilverankerung mit Erdanker, als 3- oder 4-
Punktverankerung,
- Unterflurverankerung als 3- oder 4-Punktverankerung.

Ergänzend zu DIN 18 916 Abschnitt 6 gilt:
- Die Verankerung muß der Größe des Baumes entsprechen."

Nähere Angaben werden in diesem Regelwerk nicht gemacht. Nach diesen Vorgaben bleibt es also dem Augenmaß und dem Einschätzungsvermögen der ausführenden Firma überlassen, die Art der Verankerung, deren Dimensionierung sowie ggf. Positionierung von Erdankern (bei Abspannungen) vorzunehmen.
Nach den o.g. Berechnungen waren die Verankerungen jedoch nicht auf die Größe der Bäume und deren Windlastmomente abgestimmt, ungünstig bzw. falsch angebracht (Positionierung der Abspannungen/Erdanker) und unterdimensioniert.

ZUR SCHÄDIGUNG DER BÄUME DURCH DIE VERPFLANZUNG
Die Kronen -vor allem der Platanen- waren durch den engen Stand in der Reihe überwiegend einseitig ausgebildet, ansonsten aber arttypisch. Durch den Rückschnitt vor der Verpflanzung sind sie in ihrem Volumen reduziert worden. Inwieweit durch diesen Rückschnitt ein Eingriff in den Starkastbereich erfolgte, ließ sich anläßlich des Orts- und Untersuchungstermines und nach dem erneuten Rückschnitt (Sturmschaden) nicht mehr feststellen.

Stämme:
Die Stammschäden bei allen Bäumen waren nach Mitteilung der Ausführungsfirma alte Vorschäden. Lediglich die Leittriebe der zwei Eschen seien durch das Aufrichten geschädigt worden. Am Leittrieb, im oberen Kronenbereich, wurde die Rinde rings um den Stamm in größerer Breite abgelöst, die Wunden können nicht mehr überwallt werden. Das aufgetragene Wundverschlußmittel kann das Zurücktrocknen des Holzkörpers nicht verhindern.
Die Esche zählt zu den ringporigen Laubbäumen, d.h. der Wasser- und Nährstofftransport findet nur innerhalb des letzten Jahrringes des Baumes statt. Da dieser äußerste Jahrring durch die Verletzung beschädigt wurde und eintrocknet, ist mit einem Absterben der darüber befindlichen Kronenteile zu rechnen.

Wurzeln:
Im Wurzelbereich sind bei allen Bäumen gravierende Schädigungen (durch die Verpflanzaktion) anzunehmen sowie feststellbar.
Dies trifft insbesondere für die relativ großen Platanen (Höhe 21 m) zu. Beim Umstechen der Wurzelballen in der Vorbereitungsphase wurden bereits in 0,50 m Entfernung vom Stammfuß Stark-, Grob- und fast alle Feinwurzeln gekappt

Das Regelwerk der ZTV-Großbaumverpflanzung schreibt eine Ballengröße von mindestens 8-fachem Durchmesser des Stammes vor. Bei zwei der drei umgestürzten Platanen mit einem Stammdurchmesser von ca. 0,70 m in 1,30 m Höhe wären dies mindestens 5,60 m Ballendurchmesser gewesen.

In diesem Zusammenhang ist auch auf die Richtlinien für die Anlagen von Straßen, Teil: Landschaftsgestaltung, Teil 4: Schutz von Bäumen und Sträuchern im Bereich von Baustellen (1986) zu verweisen. Dort wird unter Ziff. 5.3.3., Unterfahrungen, Rohrvortriebsverfahren angemerkt:
"....Läßt sich eine offene Baugrube im Wurzelbereich nicht vermeiden, so ist ein Mindestabstand der Baugrubenwand von der Außenkante des Baumstammes von 2,50 m einzuhalten; andernfalls ist ein Rohrvortriebverfahren erforderlich.... Wurzeln von mehr als 2 cm Durchmesser dürfen im allgemeinen nicht abgeschnitten werden."

Übertragen auf Großbaumverpflanzungen ergibt sich auch danach ein Mangel in Planung und Durchführung der Verpflanzung dieser Bäume.

Da die Platane i.d.R. ein extensives Wurzelwerk mit weitstreichenden Starkwurzeln ausbildet, die in größere Tiefe wachsen können, waren in anderen Gutachtenfällen des Sachverständigenbüros Sinn (Voruntersuchungen nach DIN 18 920) zum längerfristigen Erhalt der Altbäume unter Umständen Wurzelreduktionsgrenzen von 5 bis 7 m ab Stammachse erforderlich.

Wurzelbezeichnungen nach Durchmessern:

* Feinstwurzeln < 1mm; * Feinwurzeln 1 - 5 mm;
* Schwachwurzeln 5 - 20 mm; * Grobwurzeln 20 - 50 mm;
* Starkwurzeln > 50 mm.

Nach ZTV-Baumpflege (1993)

Kappungen von Grob- und Starkwurzeln führen zu einer irreparablen Schädigung des Baumes. Der Grad der Schädigung hängt von den Wurzeldurchmessern, der Anzahl gekappter Wurzeln usw. ab.

Zur Kappung von Grob- und Starkwurzeln schreibt BALDER (1990): "Jede der genannten Verletzungen hat je nach Eingriffsstärke eine Funktionsstörung im Wasser-, Nährstoff- und Wuchsstoffhaushalt zur Folge....Darüber hinaus dienen derartige Verletzungen als Eintrittspforte für holzzerstörende Pilze und Schwächeparasiten, die über diesen Weg in die Pflanze eindringen und je nach Aggressivität und Baumart die Pflanze schädigen.
...Mitunter vergehen Jahre, bis sich ein Parasit durchgesetzt hat und eine intensive Stamm- oder Wurzelfäule hervorruft oder die Pflanze zum Absterben bringt. In jedem Fall ist die Standsicherheit potentiell gefährdet!"

Nach den Untersuchungen von BALDER, Pflanzenschutzamt Berlin, im Rahmen eines Forschungsvorhabens zur Baumwurzel-Wundflächenbehandlung, kann bei großen Wunden, trotz fachlicher Wundversorgung, der Befall mit Bakterien und holzzerstörenden Pilzen nicht verhindert werden.

ZUSAMMENFASSUNG:
Die Bäume waren unzureichend verankert. Die Verkehrssicherheit war nicht mehr gegeben.
Die Verankerung wurde nach Maßgabe der Ausführungsfirma dimensioniert und positioniert.
In der ZTV-Großbaumverpflanzung (Regelwerk) finden sich keine auf die Belastung bezogenen Vorgaben zur Verankerung verpflanzter Bäume. Es wird darin lediglich darauf hingewiesen, daß
1. die Verankerung von der Größe des Baumes abhängt und
2. der Größe des Baumes entsprechen muß.

Es ist dringend erforderlich, die Verankerung von Großbäumen auf die Belastung durch äußere Kräfte, in erster Linie durch Wind, abzustimmen. Hierzu reichen überschlägige Lastannahmen nach DIN 1055, unter Berücksichtigung eines cw-Wertes für die Kronenfläche von 0,3 und eines 1,5-fachen Sicherheitsabstandes.
Aus biologischen Gründen bestehen erhebliche Bedenken gegen die Verpflanzung von Großbäumen, insbesondere Altbäumen, in deren Wurzelsystem relativ stammnah eingegriffen wird.

LITERATUR

* Balder, H.: Wurzelschutz von Bäumen - Theorie und Praxis. NEUE LANDSCHAFT 8/90

* Höster, H. R.: Baumpflege und Baumschutz - Grundlage, Diagnose, Methoden. Verlag Eugen Ulmer, Stuttgart (1993)

* Sinn, G.: Kipp- und Bruchgefahr älterer Straßenbäume. Schriftenreihe Taxationspraxis, Heft LP 15. Hrsg.: SVK-Verlag,
Wilnsdorf (1985)

* ZTV-Großbaumverpflanzung - Zusätzliche Technische Vertragsbedingungen und Richtlinien für das Verpflanzen von
Großbäumen und Großsträuchern. Hrsg.: FLL - Forschungsgesellschaft Landschaftsentwicklung
Landschaftsbau, An der Feuerwache 8, 53840 Troisdorf (1988)

* ZTV-Baumpflege - Zusätzliche Technische Vertragsbedingungen und Richtlinien für Baumpflege und Baumsanierung. Hrsg.:
FLL - Forschungsgesellschaft Landschaftsentwicklung Landschaftsbau, An der Feuerwache 8, 53840 Troisdorf (1989)

ABBILDUNGSVERZEICHNIS:

Abb. 1
Verpflanzte und mit 6-mm-Rundlitzen-Stahlseilen gesicherte Großbäume
Foto: Th. Sinn

Abb. 2
"Baum gegen Bau"
Durch mangelhafte Verankerungen bei Großbaumverpflanzungen können Sach- und Personenschäden entstehen. Statische Hilfen aufgrund entsprechender Berechnungen gewährleisten die Verkehrssicherheit nach Eingriffen in den statisch wirksamen Wurzelraum großer Bäume.
Zeichnung: Th. Sinn

Abb. 3
Spannschloß M 10. Materialversagen bei einer Belastung von 10,30 - 10,79 kN
Foto: Th. Sinn

Abb. 4
Angezogener und gelockerter Erdanker aus T-Eisen
Foto: Th. Sinn

Abb. 5
Windlastermittlung der Platane Nr. 2 als Grundlage der Berechnung statischer Hilfen

Abb. 6
Uneffiziente Anordnung der Abspannung bei Platane Nr. 1,
teilweise bedingt durch bauliche Einengungen

AUTOREN:

Günter Sinn, öbv Sachverständiger, Sudetenstraße 9,
61118 Bad Vilbel

Thomas Sinn, öbv Sachverständiger Dipl.-Ing.,
Auf dem Niederberg 18, 61118 Bad Vilbel

Hans-Peter Stoehrel, Akad. Oberrat Dipl.-Ing.,
Institut für Modellstatik der Universität Stuttgart,
Pfaffenwaldring 7, 70569 Stuttgart