Falsche Standsicherheitsbeurteilung einer Platane

Mitteilung 023 der Arbeitsstelle für Baumstatik (AfB),
Günter Sinn und Thomas Sinn, Sudetenstr. 9 und Lärchenstr. 12, 61118 Bad Vilbel

Im Auftrag der Stadt S. sollte durch die Arbeitsstelle für Baumstatik eine straßenbildprägende, etwa 70 Jahre alte Platane auf ihre Standsicherheit untersucht werden.

Anlaß waren der Schiefstand des Baumes und ein Gutachten der Firma S. Baumdienst, das eine Kippgefahr des Baumes attestierte.

Auszüge aus dem Gutachten der Baumpflegefirma:
"...Laut Aussage der Anwohner...bekommt der von uns zu begutachtende Baum einen Schrägstand zur Straße hin. Die Befürchtung liegt nahe, daß die Platane eines Tages zu kippen beginnt. Auf diese Vermutung hin wurden durch unseren Herrn B. Aufgrabungen im Baumscheibenbereich vorgenommen. Hierbei wurde festgestellt, daß die Zugwurzeln zum Haus gesund sind. Es sind jedoch Risse und Anhebungen im Baumscheibenbereich erkennbar...Zur Druckseite hin...sind lediglich Feinwurzeln erkennbar...Eine weitere Überprüfung wurde durch Standsicherheitsüberprüfungen mittels endoskopischer Untersuchung an den Wurzelanläufen (Zugwurzeln), sowie am Stammfuß und in ca. 1 m Höhe vorgenommen. Hier wurden durch Herrn B. keine Einschränkungen durch Fäulnisse...festgestellt. Betrachtet man jedoch die gravierenden Anhebungen in der Baumscheibe, ist eindeutig erkennbar, daß der Baum in erheblichem Zug zur Straße hin steht. Hier ist es eine Frage der Zeit, wann diese Platane zu kippen beginnt. Wir raten aus Sicherheitsgründen die Platane zu entfernen und durch eine entsprechende Neuanpflanzung zu ersetzen. Der Baum stellt momentan eine Gefahr für den Publikumsverkehr...dar."
Soweit zu den Feststellungen des "Gutachters".

Laut Nachuntersuchung der Arbeitsstelle für Baumstatik, die mit der verletzungsfreien und aussagekräftigen AfB-Methode durchgeführt wurde, ist der Baum hochgradig standsicher und kann ohne Risiko für seine Umgebung erhalten bleiben.

Das Fehlurteil der Firma S. Baumdienst beruht offenbar auf den unzutreffenden Aussagen der Anwohner sowie des Einsatzes ungeeigneter Untersuchungsmethoden. Mit Aufgrabungen oder gar dem Anbohren von Wurzeln oder Wurzelanläufen ist es nicht möglich, zutreffende Aussagen zur Standsicherheit von Bäumen zu treffen. Die Anhebungen im Bereich der Baumscheibe sind im vorliegenden Fall durch sekundäres Dickenwachstum der Wurzeln verursacht und lassen bereits bei der visuellen Kontrolle auf die Standsicherheit des Baumes schließen.

Alte Bäume sind wertvolle Bestandteile unserer Städte. Ihr Sachwert kann nach der Methode Koch bestimmt werden. Zur Vereinfachung werden zur Gehölzwertermittlung der oben genannten 20,70 m hohen Platane, die einen Stammumfang von 2,39 m in 1,30 m Höhe aufweist, durchgerechnete Herstellungskosten aus den Aktualisierten Gehölzwerttabellen von 1987 (W. Koch) herangezogen. Lt. Tabelle 13 "Herstellungskosten für einen wichtigen Baum" ergibt sich bei Pflanzung eines stärkeren Platanen-Solitärbaumes (Stammumfang 30-35 cm) nach 20 Herstellungsjahren ein Sachwert von DM 16.328,-- (nach 20 Jahren wäre die Platane "in etwa" wiederhergestellt). Abzüglich einer Wertminderung von 20 % aufgrund von Mängeln sowie einer Alterswertminderung von rund 20 % (berechnet nach der RO'SSCHEN Abschreibungsformel) verbleibt ein Sachwert von DM 9.796,80,--. Hochgerechnet auf Mai 1995 x Index 1,39 = DM 13.617,55. Abgesehen von den Kosten für die Beseitigung des Altbaumes und Neupflanzung sowie von der sonstigen Wertigkeit des straßenbildprägenden Baumes wäre dieser Sachwert der Stadt S. durch ein Fehlurteil beinahe verloren gegangen. Leider wurde der städtische Baum, der nun erhalten werden kann, durch die tiefreichenden Bohrungen der Baumpflegefirma für die endoskopischen Untersuchungen erheblich beschädigt (vergl. A. Shigo (1990), G. Sinn (1993).

So gesehen leisten anspruchsvollere Untersuchungsmethoden, wie zum Beispiel verletzungsfreie Zugmessungen, einen erheblichen ökologischen und ökonomischen Beitrag.

Die Auffassung, diese Zugmessungen seien im Vergleich mit anderen Untersuchungsverfahren zu teuer, beruht, wie der oben geschilderte Praxisfall zeigt, auf einer falschen Einschätzung des Grünwertes sowie der Verhältnismäßigkeit und Aussagekraft der jeweiligen Kontrollprüfung.

BILDUNTERSCHRIFT:
Bedeutsamer Stammschaden: Nässendes Bohrloch und Holzfäule im Bereich der Bohrung am Stamm einer etwa 500-jährigen Linde zwei Jahre nach der Durchführung einer endoskopischen Untersuchung. Auch dieser stand- und bruchsichere Baum sollte aufgrund eines Fehlurteiles zu seiner Verkehrssicherheit vorzeitig gefällt werden.
Foto: Thomas Sinn

LITERATUR:
W. Koch: Aktualisierte Gehölzwerttabellen, Bäume und Sträucher
als Grundstücksbestandteile an Straßen, in Parks und
und Gärten sowie in der freien Landschaft, einschließlich
Obstgehölze, Verlag Versicherungswirtschaft e.V.
Karlsruhe, 2. Auflage (1987).
A. Shigo: Die neue Baumbiologie. Verlag Bernhard Thalacker,
Braunschweig (1990).
G. Sinn: Das Anbohren von Bäumen. DAS GARTENAMT 1/93.
l