Bohrverfahren

Viele Baumgutachter untersuchen Bäume im Rahmen von weitergehenden Untersuchungen mit bohrenden Untersuchungsgeräten auf Stand- und Bruchsicherheit. Aus den Feststellungen punktueller Wanddicke- und ggf. Festigkeitsmessungen ziehen sie Rückschlüsse auf die Baumstabilität.

 

Anbohren sinnlos:
Ausgefaulter, jedoch bruchsicherer Baumstamm einer alten Roßkastanie.

 


Baumschaden: Nässendes Bohrloch an einer 500-jährigen Linde. Das Anbohrgutachten ergab fälschlicherweise Bruchgefahr, die AfB wies die Bruchsicherheit nach.

Gekappte und ausgefaulte Stämmlinge in der Krone. Anbohren sinnlos: Allein die Sichtkontrolle ergab in diesem Fall ausreichende Bruchsicherheit.

 
Vorteil des Anbohrens:

Bohrende Diagnoseverfahren sind vergleichsweise einfach in der Anwendung. Jeder kann zum Beispiel mit einem Hohlbohrer einen Bohrkern entnehmen und Restwanddicken bestimmen. Die zutreffende Interpretation der Schriebe von Bohrwiderstandsmessungen erfordert allerdings schon ein gutes Fachwissen.
Restwanddickemessungen mit Bohrverfahren können bei Verdacht auf innere Schäden diese bestätigen oder negieren, das Schadensausmaß sichtbarer Schäden kann genauer bestimmt werden und sie können andere, weiterführende Untersuchungen ergänzen.

Nachteile des Anbohrens:

Mit dem Einsatz bohrender Untersuchungsgeräte in lebenden Bäumen werden u.U. "Autobahnen für Pilze" geschaffen. Im Bohrlochbereich stirbt gesundes Gewebe z.T. großflächig ab. Der Pilzfortschritt und Substanzverlust führen zu einer Schwächung des Baumes (auf jeden Fall bei dem Einsatz eines Hohlbohrers, bei Einsatz der dünneren Nadeln von Bohrwiderstandsmessgeräten geringere Schäden, Schädlichkeit überhaupt umstritten).

Die Standsicherheit von Bäumen kann nicht gemessen werden.
Zur Bruchsicherheit: Bohrende Diagnoseverfahren liefern i.d.R. keine quantitativen Aussagen über die Statik von Bäumen (die einwirkende Windlast bleibt unbekannt, die erforderlichen Restwanddicken je nach Stammdicke und Holzart werden nicht berechnet, keine Querschnittserfassung sondern nur punktuelle Prüfungen).

Bei der Beurteilung des Schadensausmaßes, d.h. der Entscheidungsfindung zur Bruchsicherheit, bleiben daher oftmals Fragen offen, insbesondere bei frei gewachsenen Bäumen mit niedrigen (günstigen H/D-Werten). Nach eigenen Erfahrungen aus zum Teil veröffentlichten Praxisfällen veranlasst dies viele Baumprüfer, Entscheidungen gegen den Baum zu treffen, d.h. Bäume werden vorzeitig gekappt oder gar gefällt (insbesondere sehr alte, oft als Naturdenkmal geschützte Bäume).



Wissenschaftlich begleiteter Abbruchversuch an einem Ständer eines ausgefaultem Stämmlings einer gekappten Roßkastanie. Feststellung: Der Ständer war absolut bruchsicher. Der Primärbruch erfolgte im dicken Überwallungswulst bei einer Belastung von rd. 5 Tonnen.

Letztendlich verursacht dies höhere Kosten, denn es wird nicht berücksichtigt, das das Widerstandsmoment in den Randbereichen des Stammes bei alten, dicken Bäumen erheblich zunimmt, das heißt sie können sehr stark ausfaulen ohne ihre Bruchsicherheit zu verlieren. Eine Verdopplung des Stammdurchmessers bewirkt eine 8-fach höhere Bruchsicherheit!

Außerdem sind (Naturdenkmal-)Bäume häufig bereits stark beschnitten, die bruchauslösende Windlast ist stark verringert, so das auch geringste Restwanddicken tragenden Holzes von weniger als 1/10 des Radius (Ausfaulungsgrad bis mehr als 95 %) zur Bruchsicherheit genügen können.

Der Arbeitsstelle für Baumstatik liegen mehrere Praxisfälle vor, in denen alte, dicke Bäume mit bohrenden Diagnoseverfahren von Baumsachverständigen falsch beurteilt wurden und gefällt werden sollten. Durch Nachmessungen mit statikintegrierten Zugprüfungen konnten sie zutreffend beurteilt und erhalten werden. Einen der veröffentlichten Praxisfälle können Sie in dem Beitrag "Bruchsicherheit verschieden beurteilt" einsehen (Link am Seitenende).

Frei gewachsene, alte (Naturdenkmal-)Bäume mit ihren typischerweise niedrigen H/D-Werten um 25 oder gar weniger sollten mit bohrenden Untersuchungsverfahren nicht geprüft werden. Zumindest in diesen Fällen sind statikintegrierte Untersuchungsmethoden zugunsten des Baumes vorzuziehen.

Das gleiche gilt auch für bildgebende Verfahren, v.A. aus den meist angewendeten Schalluntersuchungsverfahren, sofern sie nicht in eine Statik eingebunden sind. Ansätze einiger Geräteanbieter hierzu sind schon vorhanden.

Bruchsicherheit von Bäumen verschieden beurteilt