Baumkontrollen

Das Modell des Ingenieurbaumes und der biologische Baum

 

Verfasser:
Thomas Sinn
Baumkontroll- und Sachverständigenbüro
Auf dem Niederberg 18
61118 Bad Vilbel

 

1. Einleitung

 

Baumkontrollen werden in erster Linie durchgeführt, um statikrelevante Defekte rechtzeitig zu erkennen und Schäden durch abbrechende Baumteile oder umstürzende Bäume zu vermeiden. Hierzu ist ein besonderes Fachwissen erforderlich, da abgesehen von der genetischen Veranlagung verschiedene Umweltfaktoren jede Baumgestalt individuell prägen und nur wenige Schadbilder zu verallgemeinern sind. Mit einem vereinfachten mechanischen Erklärungsmodell zum Baumwachstum wird seit einiger Zeit versucht, Symptome an Bäumen hinsichtlich ihrer Relevanz für die Verkehrssicherheit zu deuten.

Das mechanische Baummodell „...geht von einem „Ingenieurbaum“ aus: Das ist ein isolierter Baum unter optimalen Umweltbedingungen, der nur einer Belastung, der mechanischen (Windlast), ausgesetzt wird.“ (KULL, 1998).

Verschiedene Autoren haben Hypothesen zur mechanischen Steuerung des Baumwachstums aufgestellt: Nach METZGER (1893, zitiert in FOBO, 1986) verursachen windinduzierte Biegespannungen in den Kambiumzellen einen Wachstumsreiz, der dort am größten ist, wo eine Verstärkung des Stammes aus statischen Gründen erforderlich ist. Nach YLINEN (1953, zitiert in FOBO, 1986) nimmt der Stamm von Bäumen eine derartige Gestalt an, daß die Bruchzusammendrückung der äußersten Fasern des Stammes in seiner Längsrichtung konstant ist. Die Steuerung des sekundären Dickenwachstums erfolgt nach MATTHECK (1992) durch das Axiom konstanter Spannung. Dadurch verrate der Baum mechanisch relevante Defekte durch Gestaltabweichungen auf der Oberfläche tragender Baumteile. Bei Baumkontrollen müsse auf eben diese Symptome geachtet werden.

Tatsächlich muß ein Baum jedoch auf viele Umwelteinflüsse gleichzeitig reagieren. Den größten Einfluß auf die zumeist auch gestaltprägende Reaktion hat der Faktor, der am weitesten vom Optimum entfernt ist. „Ein biologischer Baum unterliegt hauptsächlich folgenden Einflüssen: ·

  • Photosyntheseleistung,
  • Wasserversorgung, ·
  • Ionenversorgung und ·
  • mechanische Belastung.

Diese Faktoren sind nicht unabhängig voneinander, sondern bilden ein Netzwerk und sind rückgekoppelt: ...“ (KULL, 1998). Der biologische Baum, mit dem es der Baumkontrolleur zu tun hat, zeigt auf der Baumoberfläche sowohl Symptome, die rein biologisch bedingt sind, als auch durch mechanische Wirkung entstanden sein können.

Da es DAS eindeutige Defektsymptom nur selten gibt, im Gegenteil, sich zumeist die verschiedenen Ursachen für Gestaltausprägungen an Bäumen überschneiden und sich Symptome mit unterschiedlichen Ursachen trotzdem gleichen können, muß eine qualifizierte Baumkontrolle die Kentnisse vom biologischen Baum zugrundelegen. Dies ermöglicht -entsprechendes Fachwissen vorausgesetzt- eine wesentlich höhere Trefferquote im Erkennen statikrelevanter Schäden. Die überwiegende Zahl der Bäume kann allein durch die Sichtkontrolle sicher beurteilt werden. In diesem Aufsatz sollen das Modell des Ingenieurbaumes hinterfragt und Hinweise für qualifizierte Baumkontrollen gegeben werden.

 


Gestaltabweichung in Form einer Stammbeule an einer Esche. Die Ursache ist ein überwallter Aststummel. Für die Bruchsicherheit ist diese Erscheinung zum Beispiel an wüchsigen Eschen und Rotbuchen ohne Bedeutung, auch wenn sie auf einen Holzabbau im Innern hinweist.
Foto: Thomas Sinn


Übermäßige Materialanlagerung an einer Linde in Form von Stammbeulen. Die Ursache ist eine Knospensucht verbunden mit Verletzungen und wiederholter Wundgewebebildung nach Rück-schnitten von Wasserreisern und kleinen Stiftästen. Für die Bruchsicherheit ist diese Erscheinung zum Beispiel bei Linde, Platane und Bergahorn ohne Bedeutung.
Foto: Thomas Sinn

 

2. Zum Axiom konstanter Spannung


Wissenschaftlicher Exkurs – Zur Hypothese der konstanten Spannung an Bäumen

Das Modell des Ingenieurbaumes und der biologische Baum

1. Einleitung zum o.g. Aufsatz
2. Zum Axiom konstanter Spannung
3. Zur natürlichen Auslese beim Waldwachstum
4. Zur Phylogenese
4.1. Zur Anpassung der Wasserleitungsfunktion
4.2. Zur Anpassung der Festigungsfunktion
4.3. Zu den nachweislichen Anpassungen an die
4.3.1 Die Windflucht
4.3.2 Der vorgesehene Verlust von Baumteilen
4.3.3 Die Anpassung der Stammform und -dicke
4.3.4 Materialanpassung
4.3.5 Baumdesign in Abhängigkeit von Umweltbedingungen
5. Zur Reaktionsholzbildung
6. Zur Wundholzbildung
7. Der Stammumfang - ein Maß für die Windlast?
8. Zu Defekt-Symptomen und ihrer Bewertung
9. Zusammenfassung

Literaturverzeichnis