Baumkontrollen

Das Modell des Ingenieurbaumes und der biologische Baum

 

Verfasser:
Thomas Sinn
Baumkontroll- und Sachverständigenbüro
Auf dem Niederberg 18
61118 Bad Vilbel

 

8. Zu (Defekt-)Symptomen und ihrer Bewertung

 

Nach dem mechanischen Baummodell, das dem Ingenieurbaum zugrundeliegt, muß jede Abweichung vom "Normalen" beziehungsweise jede übermäßige oder unterlassene Materialanlagerung ein Hinweis auf eine mechanisch bedeutsame Schwachstelle sein. In Ergänzung hierzu werden noch weitere Defekthinweise, wie stammnahe Bordsteine, genannt. Schwachstellen im Traggerüst des Baumes können demnach zum Beispiel durch Wulst- oder Beulenbildungen auf der Baumoberfläche abgelesen werden.

Bei Symptomen an biologischen Bäumen ist zu unterscheiden in
· arttypische Gestaltausprägungen (vergl. G. SINN 1991),
· wachstums-/umfeldbedingte Gestaltausprägungen (zum Beispiel Astkragen),
· Wundreaktionen, die meistens nur auf physiologische Beeinträchtigungen hinweisen und
· eindeutige Defektsymptome, die deutliche Hinweise auf eine Bruchgefährdung sein können (zum Beispiel Druckzwiesel mit Wassertasche und Leistenbildung).

Tatsächlich gibt es an biologischen Bäumen nur sieben eindeutige Schadsymptome, die klare Hinweise auf eine Umsturzgefahr geben.

Selbst wenn eines dieser bedeutsamen Schadsymptome erkannt wird, ist es manchmal erst die Summe der Erscheinungen, die eine Bruchgefahr nahelegen, zum Beispiel tiefreichende Stammhöhlung und nur geringes Kompensationswachstum im Bereich der Schadstelle und exponierter Stand mit großer Krone (= hohe Windlast) und schlanker Wuchs mit geringem Stammdurchmesser (= geringe Sicherheitsreserven).

Weist ein anderer Baum mit tiefreichender Höhlung ein kräftiges Kompensationswachstum im Bereich der Schadstelle auf, steht windgeschützt und hat eine nur kleine Krone (= geringe Windlast) bei gleichzeitig großem Stammdurchmesser ausgebildet (= hohe Sicherheitsreserven, alte Naturdenkmalbäume!), kann er durch den erfahrenen Baumkontrolleur durchaus noch als bruchsicher erkannt werden. Das grobe Muster (7 eindeutige Schadsymptome) sowie darauf aufbauend diese Feinheiten vermittelt die biostatische Baumkontrolle, die bei sachkundiger Anwendung unnötige meßtechnische Untersuchungen und Kappungen beziehungsweise Fällungen auf ein Minimum reduziert.

Der fachkundige Baumkonrolleur betrachtet den Baum als biologisches Ganzes in Bezug zu seinem Umfeld. Er muß in der Lage sein, durch diesen integrierten Kontrollansatz Symptome an Bäumen richtig einzuordnen. Viele Baumkontrolleure leisten dies offenbar nicht. Sie sehen und beurteilen Symptome an Bäumen gefiltert durch die „mechanische Brille“. Damit folgen Sie der Betrachtungsweise des Ingenieurbaumes. Dies führt jedoch zu einer Vielzahl von meist unnötigen weitergehenden meßtechnischen Untersuchungen und vielen oftmals unnötigen Kronenkappungen und Baumfällungen.

In einer dem Wohnort des Verfassers nahegelegenen Stadt waren nach Mitteilung eines Mitarbeiters des Grünflächenamtes nach Sichtkontrollen an etwa 11.000 Bäumen durch ein Baumsachverständigenbüro etwa 500-600 Bäume zur weitergehenden Untersuchung vorgesehen. Dies waren zwischen etwa 4,5 und 5,5 % des Gesamtbestandes. Die Baumkontrollen waren auf der Grundlage der Symptomdeutung nach baummechanischem Modell erfolgt.

Ein Baumsachverständiger wirbt im Internet damit, daß bei von seinem Büro durchgeführten Sichtkontrollen, Symptomdeutung nach baummechanischen Modell, „nur“ bei bis 3-4 % der Bäume weitergehende Untersuchungen erforderlich seien (Fällrate etwa 1 %).

Bei Langzeit-Sichtkontrollen auf empirischer Grundlage, wie sie der Verfasser zum Beispiel in einer Stadt mit einem altersmäßig abgestuften Baumbestand von etwa 4.300 Bäumen einmal jährlich durchführt, sind weitergehende meßtechnische Untersuchungen nur an etwa 2-4 Bäumen pro Jahr erforderlich. Dies entspricht einem prozentualen Anteil von weniger als 0,1 % (während des gesamten Kontrollzeitraumes ist noch kein Schadensfall durch Problembäume eingetreten - die laufende gründliche biostatische Sichtkontrolle kostet in dieser ca. 200 km vom Wohnort des Verfassers entfernten Stadt etwa DM 5,-- pro Baum).

9. Zusammenfassung

 


Gefahr im Verzug!
Vor Durchführung des Sägeschnittes waren zwei eindeutige Defektsymptome, erkennbar: 1. Abgestorbene und tief eingesunkene Rinden-partien als Folge einer nach außen durchgebrochenen ausgedehnten Fäule und 2. Ausbildung von Pilzfrucht-körpern an der Schadstelle. Zudem stand der Baum geneigt und erforderte daher besonderes Augenmerk.
Foto: Thomas Sinn
Zwei eindeutige Defekt-symptome:
1. Pilzfruchtkörper des Flachen Lackporlings an der
2. V-förmigen Insertionsstelle von Stämmlingen am Stamm einer Linde. Der Schadensfall war klar vorhersehbar.
Foto: Günter Sinn


Der abgebrochene Stämmling der Linde beschädigte nur Sachwerte.
Foto: Günter Sinn


Wissenschaftlicher Exkurs – Zur Hypothese der konstanten Spannung an Bäumen

Das Modell des Ingenieurbaumes und der biologische Baum

1. Einleitung zum o.g. Aufsatz
2. Zum Axiom konstanter Spannung
3. Zur natürlichen Auslese beim Waldwachstum
4. Zur Phylogenese
4.1. Zur Anpassung der Wasserleitungsfunktion
4.2. Zur Anpassung der Festigungsfunktion
4.3. Zu den nachweislichen Anpassungen an die
4.3.1 Die Windflucht
4.3.2 Der vorgesehene Verlust von Baumteilen
4.3.3 Die Anpassung der Stammform und -dicke
4.3.4 Materialanpassung
4.3.5 Baumdesign in Abhängigkeit von Umweltbedingungen
5. Zur Reaktionsholzbildung
6. Zur Wundholzbildung
7. Der Stammumfang - ein Maß für die Windlast?
8. Zu Defekt-Symptomen und ihrer Bewertung
9. Zusammenfassung

Literaturverzeichnis