Baumkontrollen

Das Modell des Ingenieurbaumes und der biologische Baum

 

Verfasser:
Thomas Sinn
Baumkontroll- und Sachverständigenbüro
Auf dem Niederberg 18
61118 Bad Vilbel

 

3. Zur natürlichen Auslese beim Waldwachstum

Das mechanische Modell des Ingenieurbaumes folgt einem Leichtbau- und Stabilitätsprinzip (keine Materialverschwendung, aktiv wirksame Stabilisierungsfaktoren: Konstante Spannung, adaptives Wachstum, Sicherheitsfaktor etwa 4,5). Am Beispiel der natürlichen Auslese beim Waldwachstum läßt sich aber feststellen, daß sich nur die leistungsfähigsten, am schnellsten wachsenden Bäume behaupten können und nicht die Bäume, die sowohl einer Leichtbau- als auch Stabilitätsstrategie folgen. Wenn es so ist, wie soll sich dann aber ein Meß- und Kontrollmechanismus, der über die Einhaltung einer etwa 4,5-fachen Sicherheit an allen tragenden Baumteilen wacht, als überlebenswichtiges Auswahlkriterium herausgebildet haben ? Anhand des Waldwachstums kann beobachtet werden, welche Wuchseigenschaften selektionsentscheidend sind.

Als der wichtigste, das Baumwachstum dominierende Faktor gilt der Wettbewerb um Sonnenlicht (und Nährstoffe, Wasser). Natürlicherweise bilden Bäume Wälder. In diesen müssen sie durch schnelles Wachstum vermeiden, von Mitbewerbern unterdrückt zu werden. In Naturverjüngungen kommen Pflanzenzahlen zwischen 100 000 und 1 Million Bäumen pro Hektar vor (MITSCHERLICH 1978). Nach MAYER (1984) sind es zwischen 4-7 Millionen Keimlinge pro Hektar.

Aufgrund unterschiedlicher Erbveranlagung und vorhandener kleinräumiger Standortunterschiede findet schon in den ersten Jahren eine Gliederung der Population in rascher und langsamer wüchsige Bäume statt. Daher wachsen einige Bäume voraus, die große Masse wächst mit mittlerer Intensität und einige bleiben zurück. Mit Erreichen der endgültigen Bestandeshöhe geraten die Zurückbleibenden in immer schlechtere Wuchsbedingungen, da ihnen die schneller wachsenden zunehmend das Licht für die Assimilation fortnehmen und zugleich im Wurzelraum dominieren.

Diese Art des Konkurrenzwachstums wird durch die Fähigkeit zur Ausbildung von besonders effektiven Lichtkronenteilen bei ausreichendem Lichtgenuß forciert. "Jeder Dezimeter Kronenvorsprung bedeutet erheblich mehr Energiezufuhr und damit größeren Stoffzuwachs." (MAYER 1984).

Im Altbestand stehen dominante, herrschende Bäume, dünnere, zwischenständige sowie gegebenenfalls unterständige Bäume, die das Kronendach nicht mehr erreicht haben. Zuletzt haben lediglich höchstens 100 bis 400 Bäume überlebt (MITSCHERLICH 1978). Nach einer persönlichen Mitteilung von KULL (1998) gehen die meisten Jungpflanzen in den ersten Jahren zugrunde und nur wenige erreichen ein Alter von 10 Jahren.

Mit der Bildung von Wäldern ging die Tendenz hin zu schnellem, dafür mit höherem Risiko behaftetem Wachstum und nicht zu stabilitätsorientiertem, sicherem Wachstum (artabhängig unterschiedlich). Die besten Bedingungen für eine große Stoffproduktion und hohe Wachstumsgeschwindigkeit bieten reichlich Licht und eine ausreichende Wasser- und Nährstoffzufuhr. Erwartungsgemäß fand im Laufe der stammesgeschichtlichen Entwicklung (Phylogenese) neben vielen anderen Anpassungen in erster Linie eine Optimierung des Hydrosystems der Bäume statt.


Kein eindeutiges Defektsymptom: Rindenrisse. Diese können auf einen bedeutsamen Schaden (angebrochener Stamm/Ast) hinweisen. Die Risse an einer Rotblühenden Roßkastanie auf der Abbildung 5 sind durch das Dilatationswachstum der Rinde bedingt und für die Bruchsicherheit ohne Bedeutung.
Foto: Thomas Sinn

 

4. Zur Phylogenese


Wissenschaftlicher Exkurs – Zur Hypothese der konstanten Spannung an Bäumen

Das Modell des Ingenieurbaumes und der biologische Baum

1. Einleitung zum o.g. Aufsatz
2. Zum Axiom konstanter Spannung
3. Zur natürlichen Auslese beim Waldwachstum
4. Zur Phylogenese
4.1. Zur Anpassung der Wasserleitungsfunktion
4.2. Zur Anpassung der Festigungsfunktion
4.3. Zu den nachweislichen Anpassungen an die
4.3.1 Die Windflucht
4.3.2 Der vorgesehene Verlust von Baumteilen
4.3.3 Die Anpassung der Stammform und -dicke
4.3.4 Materialanpassung
4.3.5 Baumdesign in Abhängigkeit von Umweltbedingungen
5. Zur Reaktionsholzbildung
6. Zur Wundholzbildung
7. Der Stammumfang - ein Maß für die Windlast?
8. Zu Defekt-Symptomen und ihrer Bewertung
9. Zusammenfassung

Literaturverzeichnis