Baumkontrollen

Das Modell des Ingenieurbaumes und der biologische Baum

 

Verfasser:
Thomas Sinn
Baumkontroll- und Sachverständigenbüro
Auf dem Niederberg 18
61118 Bad Vilbel

 

9. Zusammenfassung

 

Das baummechanische Modell, auf dessen Grundlage die Symptomdeutung und Gefahreneinschätzung bei vielen Baumkontrollen erfolgt, beruht auf einer Hypothese und kann wissenschaftlich nicht abgesichert werden. Es widerspricht in weiten Teilen den gesicherten Erkenntnissen von Holzbiologen, Forstbotanikern, Pflanzenphysiologen und Paläontologen zum Wachstum und der Gestaltbildung von Bäumen:

  • Bäume weisen ungleiche Spannungsverteilung und daher unterschiedliche Bruchsicherheit der einzelnen Baumteile auf (es gibt keine konstante Spannung am Baum, der Baum ist keine "Kette gleich fester Glieder").
  • Es gilt das Leistungsprinzip: Nur die am schnellsten wachsenden Bäume können sich behaupten. Dies geht auf Kosten der Sicherheit. Bäume wachsen hinsichtlich der Stabilität nahe der Grenzgröße, gemessen an der Ausnutzung der Belastbarkeit des Materials (keine Leichtbau- und Stabilitätsstrategie mit etwa 4,5-facher Sicherheit).
  • In der Evolutionsgeschichte findet sich kein Anhalt dafür, daß im Laufe der Entwicklung eine Optimierung der Stabilität durch aktive Reaktionen (konstante Spannung, adaptives Dickenwachstum, Sicherheitsfaktor etwa 4,5) erfolgte. Durch natürliche Auslese haben sich tatsächlich in erster Linie energie- und materialsparende passiv wirksame Anpassungsmechanismen an die Stabilität herausgebildet.
  • Der Stammumfang ist ein Maß für die Photosyntheseleistung und die Ernährungsverhältnisse des Baumes in Abhängigkeit von weiteren Umweltfaktoren, nicht jedoch ein Maß für die Windlast.
  • Die Bildung von Reaktionsholz hängt zusammen mit Eigengewicht, Ernährung ... Photosynthese. Insofern greift das baummechanische Modell zu kurz.
  • Wundholz wird zur Einkapselung von Schadstellen gebildet. Es wird nicht zur Verstärkung des beschädigten Baumteiles ausgebildet. Zunächst wird kein oder kaum Festigungsgewebe ausgebildet. Die Wundheilung ist nicht mechanisch gesteuert.

Die besondere Güte von Sichtkontrollen auf der Grundlage des baummechanischen Modells ist in Frage zu stellen, denn das Modell des Ingenieurbaumes basiert auf einer unbewiesenen Wachstumsregel. Baumkontrollen auf empirischer Grundlage, die den biologischen Baum zugrundelegen, sind -entsprechendes Fachwissen vorausgesetzt- weitaus qualifizierter.

Die fachliche Integrität des Baumprüfers und der Wert von Baumkontrollen sind -auch vor Gerichten- unabhängig von einer bestimmten Methode.

Danksagung: Für die gewissenhafte Durchsicht des Manuskripts dankt der Autor seinem Vater, GÜNTER SINN.

Anschrift des Verfassers: Baumstatik T.Sinn, Dipl.-Ing. öbv Sachverständiger Thomas Sinn, Auf dem Niederberg 18, 61118 Bad Vilbel

Literatur


Wissenschaftlicher Exkurs – Zur Hypothese der konstanten Spannung an Bäumen

Das Modell des Ingenieurbaumes und der biologische Baum

1. Einleitung zum o.g. Aufsatz
2. Zum Axiom konstanter Spannung
3. Zur natürlichen Auslese beim Waldwachstum
4. Zur Phylogenese
4.1. Zur Anpassung der Wasserleitungsfunktion
4.2. Zur Anpassung der Festigungsfunktion
4.3. Zu den nachweislichen Anpassungen an die
4.3.1 Die Windflucht
4.3.2 Der vorgesehene Verlust von Baumteilen
4.3.3 Die Anpassung der Stammform und -dicke
4.3.4 Materialanpassung
4.3.5 Baumdesign in Abhängigkeit von Umweltbedingungen
5. Zur Reaktionsholzbildung
6. Zur Wundholzbildung
7. Der Stammumfang - ein Maß für die Windlast?
8. Zu Defekt-Symptomen und ihrer Bewertung
9. Zusammenfassung

Literaturverzeichnis